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Acht-Stunden-Arbeitstag – ein Auslaufmodell?

März 2018Text: Sabine TjørnelundFoto: Sahlgrenska-Universitäts-Krankenhaus

Ob im Krankenhaus, in der Produktion oder der Kreativwirtschaft – Arbeitszeitmodelle, die vom herkömmlichen Acht-Stunden-Tag abweichen, ziehen derzeit viel Aufmerksamkeit auf sich. So mancher Arbeitnehmer möchte weniger Stunden täglich arbeiten. Unternehmen wiederum finden über solche Modelle schneller qualifiziertes, hochmotiviertes Personal. Tiding-online hat sich verschiedene Projekte in Deutschland, Schweden und den USA angesehen – nicht alle sind eine Erfolgsgeschichte.

Eine kleine Bielefelder Digital-Agentur sorgt in Deutschland derzeit für großes Aufsehen: mit einem neuen Arbeitszeitmodell. Die Mitarbeiter von Rheingans Digital Enable arbeiten statt acht nur noch fünf Stunden täglich von 8 bis 13 Uhr bei gleichem Gehalt. Seit vier Monaten testen Agenturinhaber Lasse Rheingans und sein Team die neuen Arbeitszeiten. Bisher erfolgreich, wenn auch nicht ganz problemlos. Dennoch: Das Projekt wurde über die geplante Testphase hinaus verlängert mit voller Unterstützung der Mitarbeiter. Das Interesse an dem Projekt ist riesig. Große Tageszeitung, das Fernsehen, aber auch Wissenschaftler, Politiker und die Industrie- und Handelskammer haben bei der Agentur angefragt und möchten mehr über den Fünf-Stunden-Arbeitstag wissen. Die Diskussion um flexible, kürzere oder andere Arbeitszeiten trifft den Zeitgeist.

Sowohl Arbeitnehmer als auch Arbeitgeber interessieren sich für das Thema, wenn auch mit unterschiedlichen Zielsetzungen. Projekte in Schweden zeigen, dass beide Seiten von kürzeren Arbeitszeiten profitieren können: Das erfolgreichste schwedische Beispiel für einen Sechs-Stunden-Tag findet seit 15 Jahren in einer Toyota-Werkstatt in Göteborg statt. Dort arbeiten die Mechaniker bei gleichem Gehalt nur noch sechs statt acht Stunden – allerdings in zwei Schichten, von 6 Uhr bis 12 Uhr und von 12 Uhr bis 18 Uhr. Die Werkstatt ist zwölf statt acht Stunden geöffnet. Das Ergebnis ist für alle Beteiligten positiv: Die Kunden profitieren von deutlich kürzeren Wartezeiten, die Mitarbeiter sind motivierter und arbeiten effizienter, das Unternehmen erwirtschaftet höhere Umsätze.

Eine andere Erfolgsgeschichte, ebenfalls aus Göteborg, ist aus der Not heraus geboren: Das Sahlgrenska-Universitäts-Krankenhaus in Göteborg litt unter Personalmangel, hohem Krankenstand und Mitarbeiterfluktuation trotz zusätzlicher Gehaltsanreize. Um nicht einen der beiden OP-Säle mangels Auslastung aufgrund der Probleme schließen zu müssen, führte das Krankenhaus 2014 zuerst probeweise ein neues Arbeitszeitmodell ein: Das Personal arbeitet bei gleichem Gehalt nur noch sechs Stunden, wie bei Toyota in mehreren Schichten. Das Ergebnis ist beeindruckend: ein deutlich niedrigerer Krankenstand, motivierte und zufriedene Mitarbeiter, die in sechs Stunden genauso viel leisten wie in acht Stunden, längere Öffnungszeiten und eine bessere Auslastung der OP-Säle, kürzere Wartezeiten für Patienten. Die Probephase wurde mehrfach verlängert und das Projekt 2016 in den Krankenhausbetrieb integriert. Die Folge: Es ist deutlich einfacher, qualifiziertes Personal zu finden. „Wir haben viele Nachfragen von Menschen, die bei uns arbeiten möchten. Unsere Rekrutierungsprobleme sind heute wesentlich kleiner“, sagt Anders Hyltander, Bereichsmanager im Sahlgrenska Universitätskrankenhaus.

Ein anderes schwedisches Projekt mit einem Sechs-Stunden-Tag war zwar erfolgreich, was die Rekrutierung von neuen Mitarbeitern oder die Absenkung des Krankenstandes betrifft. Um die verkürzte Arbeitszeit in einem Pflegeheim problemlos umsetzen zu können, mussten allerdings neue Mitarbeiter eingestellt werden. Das war der Kommune langfristig zu teuer. Nach einem Jahr wurde das Projekt wegen zu hoher Kosten eingestellt.

Genau das Gegenteil ist bei “Tower Paddle Boards”, ein kleines Unternehmen für Stand-Up-Paddel-Boards, eingetreten. Stephan Aarstol, Geschäftsführer und Gründer führte 2015 den Fünf-Stunden-Tag für sich und seine zehn Mitarbeiter ein. Bei gleichem Gehalt und einer Fünf-Prozent-Gewinnbeteiligung erwartet er von seinen Mitarbeitern allerdings, dass sie in der Zeit von 8-13 Uhr produktiver sind als vorher. Wer das Pensum nicht schafft, muss gehen. Anscheinend funktioniert das Projekt. Die Firma kam im Jahr der Einführung des Fünf-Stunden-Tags auf Platz 239 der 5.000 am schnellsten wachsenden Unternehmen in Amerika. Im Jahr darauf steigerte sie ihren Umsatz um 40 Prozent. Heute zählt Aarstol zu einem der gefragtesten Redner, wenn es um Mitarbeitermotivation und neue Arbeitszeitmodelle geht. Seine Erfahrungen hat er in einem Buch* aufgeschrieben. In einem Interview mit dem Finanzportal finanzen.net geht er davon aus, dass ihm sein Arbeitszeitmodell gekoppelt mit der Anforderung an mehr Produktivität sowie der Umsatzbeteiligung langfristig die kreativsten und produktivsten Mitarbeiter einbringen wird.

Sicher ist, dass Arbeitszeitmodelle, die vom herkömmlichen Acht-Stunden-Tag abweichen, derzeit viel Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Ein kürzerer Arbeitstag scheint für so manchen Arbeitnehmer und Arbeitgeber attraktiv zu sein, wie einige Beispiele zeigen. Die Bielefelder Agentur hat in vier Tagen mehr als einhundert Bewerbungen erhalten, berichtet Agenturchef Rheingans gegenüber den Medien.Berichten Sie über Ihre Erfahrungen mit ähnlichen oder anderen Projekten oder diskutieren Sie mit uns und anderen auf LinkedIn.

*„The Five-Hour Workday: Live Differently, Unlock Productivity, and Find Happiness“

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