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Der besondere Antrieb: „Bei uns kann sich der Kunde etwas wünschen“

Juni 2018Text: Sabine TjørnelundFoto: Patrick Altrogge, Inmotto

Wenn der Vorhang an der Semper Oper in Dresden, im Opernhaus von Moskau oder im Theater an der Elbe fällt und das Ensemble stehende Ovation erhält, ist die Vorführung perfekt gelungen. Dazu beigetragen haben auch die Herforder Elektromotoren-Werke HEW. Das Familienunternehmen produziert in Maßanfertigung besonders leise und mit spezieller Bremstechnik ausgestattete Elektromotoren, die in der Bühnentechnik bekannter Schauspielhäuser ihren Einsatz finden. Nicht in großer Stückzahl, sondern genau auf den Kunden zugeschnitten – wie bei einem Wunschkonzert.

Meistens sind es Kleinserien und Einzelstücke für anspruchsvolle Aufgaben, die HEW baut: Spezialmotoren für explosionsgefährdete Umgebungen oder für den Einsatz im Wasser, z.B. in der Pumpentechnik. Auch in Großgeräten der Lebensmittelindustrie oder in der Medizintechnik sind HEW-Motoren verbaut. Man findet sie zudem in Windkraft- und Biogasanlagen, in Hebezeugen, Kränen und in Textilmaschinen. Die Anwendungsbereiche sind vielfältig, die Anforderungen an den jeweiligen Motor sehr unterschiedlich. Ein Kunde benötigt einen Motor, der große Hitze oder Kälte aushalten kann, ein anderer bestellt einen besonders leise laufenden oder gegen Industriestaub unempfindlichen Motor.

„Bei uns kann sich der Kunde etwas wünschen“ sagt Maximiliane Scheidt, Geschäftsführerin des Familienunternehmens, schmunzelnd. Einzelanfertigungen und kleine Losgrößen, Motoren für spezielle Anforderungen und die besonders hohe Qualität der Verarbeitung und der Materialien sind Markenzeichen von HEW. Zudem schätzen die Kunden kurze Reaktionszeiten, Flexibilität und den direkten Ansprechpartner. Das wollen und können große Motorenhersteller, die hohe Stückzahlen und Serien produzieren, nicht leisten. Zu aufwändig und unrentabel. Die Herforder haben sich erfolgreich darauf spezialisiert. Letztes Jahr feierte das Traditionsunternehmen seinen 125. Geburtstag. Mittlerweile machen die Elektromotoren rund 85 Prozent des Umsatzes aus.

Angefangen und damit weltweit bekannt geworden sind HEW mit Kirchentechnik, die das Unternehmen immer noch herstellt. HEW-Antriebe für Kirchenglocken findet man im Kölner Dom, genauso wie in der Kathedrale von Canterbury oder in der Londoner St. Pauls Kirche. Bis hin zum Petersdom haben die HEW Kirchen mit Läutetechnik ausgestattet – gerade hat der Paderborner Dom eine neue Glocke und die dazugehörige Antriebstechnik erhalten.

Sowohl für die Herstellung der Spezialmotoren als auch für die Läutetechnik sind gut ausgebildete Fachkräfte notwendig. Den Nachwuchs bildet HEW selbst aus. Weiteres Personal findet das Unternehmen in der Region. Das familiäre Betriebsklima ist attraktiv, der Führungsstil der jungen Firmenchefin modern. Sie wertschätzt die Arbeit ihrer Mitarbeiter und fordert sie auf, mitzudenken und zu gestalten. Das motiviert und ist bei der Suche nach Fachkräften manchmal sogar ausschlaggebend.

Junge, talentierte Unternehmerin übernimmt das Ruder
Maximiliane Scheidt übernahm das Unternehmen von ihrem Onkel Raimund B. Arzdorf 2014 – mit 27 Jahren! Die gelernte Industriekauffrau und studierte Managerin leitet seit vier Jahren die Firma. Sie gehört nicht nur zu den jüngsten Unternehmerinnen in Ostwestfalen, sondern auch zu den wenigen Managerinnen an der Spitze eines mittelständischen Maschinenbauers. Kein einfacher Job in einer von Männern dominierten Arbeitswelt. „Mein Mitarbeiter sind ostwestfälisch pragmatisch. Sie haben sich gefreut, dass ich den Familienbetrieb in vierter Generation weiterführe und er nicht verkauft wird“, so Scheidt. Die Mitarbeiter schätzen ihre offene und direkte Art und ihr leidenschaftliches Engagement für die Firma. Maximiliane Scheidt machte bei der Übernahme der Leitung auch sofort deutlich: Ich benötige eure Unterstützung. Zudem hat sie einen modernen Führungsstil, der gut ankommt. Und sie will nicht sofort die ganze Firma umkrempeln, alles „besser“ machen. Aber sie sieht auch die Zeichen der Zeit und weiß, wir müssen modernisieren und die HEW ins digitale Zeitalter hineinführen. Nicht auf einen Schlag, sondern Stück für Stück und alle Mitarbeiter dabei mitnehmen.

„Meine Mitarbeiter haben mich von Anfang an unterstützt, sodass ich schnell in meine Aufgabe hineinwachsen konnte. Ich musste nicht erst beweisen, dass ich als Frau unser Unternehmen führen kann. Das war bei einigen Kunden anfangs schwieriger. Doch ich habe ein tolles Team um mich herum, das hat vieles aufgefangen.“ Heute sind auch diese Kunden von den Führungsqualitäten der HEW-Firmenchefin überzeugt.

Herforder Elektromotoren Werke
Gobenstraße 106, Herford
Gründung 1892.
Mitarbeiter: 110 in Herford. Weitere 170 in Ivanec/Kroatien.
Produkte: Elektromotoren in Sonderanfertigung und Antriebe für Kirchenglocken.
Weitere Infos: www.hew-hf.de

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