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„Wir haben uns zu Vertrauen und Verlässlichkeit verpflichtet“

August 2017Text: ​Sabine TjørnelundFoto: Anton Semenov

Miteinander reden, einander kennenlernen und besser verstehen – das verfolgen die Mitglieder der Hanse seit Jahrzehnten. Dabei schafft persönlicher Kontakt Vertrauen und ist oft der erste Schritt zu erfolgreichen (Handels)-Beziehungen. Das gilt auch gegenüber den russischen Partnern – trotz angespannter politischer Lage. Zusammen mit der Wirtschaftshanse besuchten mehrere deutsche Unternehmen die russische Stadt Veliky Novgorod und trafen mit Verantwortlichen aus Wirtschaft und Kommune zusammen. Vor Ort erlebten die Teilnehmer, wie die hanseatischen Werte praktiziert werden.

Trotz westlicher Sanktionen gegen Russland, die die EU gerade erst verlängerte, erholt sich die russische Wirtschaft langsam. Das ist auch dem deutlich gestiegen Handel zwischen deutschen und russischen Unternehmen geschuldet. Sowohl die Deutsch-Russische Auslandshandelskammer (AHK) als auch das deutsche Statistische Bundesamt belegen mit ihren Zahlen den stark gestiegenen Warenverkehr zwischen beiden Ländern seit Beginn dieses Jahres. Russland ist für die deutsche Wirtschaft einerseits interessanter, andererseits auch schwieriger Handelspartner. Das Land bietet wegen des Nachholbedarfs bei der Industrialisierung und des Rohstoffreichtums viele Chancen. Doch Unternehmer klagen auch über bürokratische Hürden, Korruption und, dass ohne Vitamin B in Russland als Geschäftspartner nur schwer Fuß zu fassen sei.

Ganz anderes sagen die Teilnehmer der Geschäftsreise des Wirtschaftsbund HANSE e.V. in die russische Hansestadt Veliky Novgorod. „Unsere Mitglieder vertrauen sich und handeln im Sinn des ehrbaren Kaufmanns“, so Marion Köhn, Geschäftsführerin der Wirtschaftshanse. „Unternehmen und Kommunen des Wirtschaftsbundes verpflichten sich einem Ehren-Kodex und pflegen die Werte der alten und neuen Hanse wie Ehrlichkeit, Vertrauen, Fairness bei den Beziehungen untereinander.“

Im Mittelpunkt der Businessreisen der Wirtschaftshanse steht nicht der schnelle Geschäftsabschluss. „Als Hansemitglied haben wir uns zu Vertrauen und Verlässlichkeit verpflichtet. Die Kontaktpflege und der vertrauensvolle Umgang miteinander sind uns wichtig. Darüber entwickeln sich oft nachhaltige Beziehungen, die zu einem späteren Zeitpunkt zu gemeinsamen Geschäften oder zu neuen Kontakten und Projekten führen“, sagt Roman Nisanov, Geschäftsführer der Novgorod Becon GmbH, die zur Adept-Gruppe gehört.

Roman Nisanov, Geschäftsführer der Novgorod Becon GmbH

Roman Nisanov, Geschäftsführer

Zum ersten Mal mit der Wirtschaftshanse unterwegs war das Unternehmen Tenderfoot aus Ibbenbüren. Tenderfoot baut weltweit hochwertige Bodensysteme für Nutztierhaltung im Schweine und Kälberbereich. „Obwohl man sich nicht persönlich kannte, war diese Geschäftsreise von Anfang an von einem vertrauensvollen Umgang miteinander geprägt“, so Sven Grothaus, Geschäftsführer von Tenderfoot. Bisher liefen Geschäftskontakte oft über russische Berater ab, die sozusagen vor dem direkten Kontakt zwischengeschaltet waren. Ganz anders in Veliky Novgorod. „Wir haben direkt mit den Entscheidern in den Firmen gesprochen. Das war für uns neu und beeindruckend.“ Dies bestätigt auch Hansemitglied Dipl.-Ing. Bernhard Surmann, Geschäftsführer von miprotek, einer Firma für Automatisierungssysteme aus Buxtehude: „Wir sind direkt mit den Geschäftsführern und den Entscheidern auf kommunaler Ebene zusammengetroffen und haben interessante und vertrauensvolle Gespräche geführt.“

Delegation der Wirtschaftshanse

Die Teilnehmer an der Geschäftsreise der Wirtschaftshanse

Die Geschäftsreise kam auf Einladung der russischen Adept-Group zustande. Der Agrarkonzern gehört mit mehr als 3.700 Mitarbeitern und einer Wachstumsrate von rund zehn Prozent/Jahr zu den größten dynamisch wachsenden Unternehmen im russischen Agrarsektor und ist der größte Arbeitgeber in Veliky Novgorod. Das Unternehmen will in großem Umfang expandieren und sucht Geschäftspartner in Deutschland. Bereits im Frühjahr besuchte die Adept-Gruppe einige deutsche Unternehmen und knüpfte erste Kontakte. Nun waren deutsche Firmen zum Gegenbesuch eingeladen. Unter anderem besuchte die Delegation mit Vertretern von Agravis (Melle), Meier-Brakenberg (Extertal), miprotek (Buxtehude) und Tenderfoot (Ibbenbüren) eine moderne Getreide- und Futtermittelproduktion, eine Geflügelzuchtstation, sowie zwei Betriebe zur Verarbeitung von Geflügel und Schweinen zu Endprodukten. Zudem erhielten die Teilnehmer Einblicke in die Anbaumethoden diverser Getreidesorten. „Unsere Gastgeber präsentierten uns nicht nur alle Bereiche ihres Unternehmens, sondern diskutierten mit bemerkenswerter Offenheit auch über Probleme und stellten ihre Pläne zum Aufbau einer weiteren Rinderstation für 2800 Tiere vor“, berichtet Sven Grothaus.

Statt auf Sanktionen setzt die Wirtschaftshanse auf faire und vertrauensvolle Zusammenarbeit. „Im direkten Kontakt miteinander und in persönlichen Gesprächen schaffen wir eine Vertrauensbasis und lernen einander kennen und besser verstehen. Das fördert das Miteinander und baut Vorurteile auf beiden Seiten ab“ erklärt Marion Köhn. Veliky Novgorods Bürgermeister Yuri Bobryschew ergänzt: „Die Hansemitglieder redeten und handelten schon im Mittelalter partnerschaftlich und fair miteinander. Das halten wir noch heute so und es zeichnet uns Hanseaten aus.“ Geschäftsführer Roman Nisanov kündigte bereits einen weiteren Besuch im November in Deutschland an, um die Gespräche und Kontakte zu vertiefen.

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