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Betriebliche Gesundheitsförderung verringert Fehlzeiten

Mai 2015

Dr. Christa Sedlatschek leitet seit 2011 im spanischen Bilbao die Europäische Agentur für Sicherheit und Gesundheitsschutz am Arbeitsplatz, kurz EU-OSHA. Die Tiding sprach mit ihr darüber, wie Gesundheitsschutz am Arbeitsplatz Unternehmen und Mitarbeitern hilft.

Tiding: Arbeitgeber, Unternehmen und auch der Staat wünschen sich gesunde Mitarbeiter, die produktiv zum Unternehmenserfolg beitragen statt Krankengeld zu beziehen. Unternehmen investieren daher immer mehr Mittel in die Gesundheitsvorsorge ihrer Angestellten. Können Sie uns Best-Practice-Beispiele nennen?
Dr. Christa Sedlatschek: Betriebliche Gesundheitsförderung soll das Wohlbefinden der Menschen bei der Arbeit verbessern. Dazu müssen etwa die Arbeitsorganisation und die Arbeitsumgebung angepasst, aber auch Gesundheitsangebote bereitgestellt und die persönliche Entwicklung gefördert werden. Beispiele für organisatorische Maßnahmen sind die Einführung flexibler Arbeitszeiten und Telearbeit. Oder man gibt Mitarbeitern die Möglichkeit, sich an der Verbesserung ihrer Arbeitsorganisation und Arbeitsumgebung zu beteiligen und ermöglicht lebenslanges Lernen. Individuelle Maßnahmen beinhalten Sportkurse und -veranstaltungen, gesunde Ernährung sowie Programme zur Raucherentwöhnung.

Sind es eher die großen Konzerne, die sich dem Gesundheitsschutz ihrer Mitarbeiter verschrieben haben, oder kümmern sich auch die kleineren und mittelständischen Unternehmen um ihre Angestellten?
Wir sehen natürlich, dass größere Unternehmen ein professionelles Gesundheitsmanagement viel leichter etablieren und ganzheitliche Programme anbieten können. Daher ist auch das Gesundheitsbewusstsein viel stärker vorhanden als in kleinen und mittleren Unternehmen. Trotzdem ist unsere Erfahrung, dass mehr und mehr auch mittelständische Unternehmen erkannt haben, wie wichtig es ist, qualifizierte Mitarbeiter gesund und möglichst lange im Unternehmen zu halten. Daher gibt es immer mehr Unternehmen, die oft mit externer Unterstützung eine betriebliche Gesundheitsförderung anbieten. Bei Klein- und Kleinstunternehmen gibt es noch Nachholbedarf und hier sind vor allem externe Unterstützungsstrukturen notwendig wie Unfall- und Krankenversicherungen, Initiativen der Städte, Regionen, Länder und des Bundes.

Wie kann EU-OSHA insbesondere diese kleinen Unternehmen dabei unterstützen, sich um die Gesundheit und Arbeitsfähigkeit von Beschäftigten zu kümmern?
Häufig ist die Vorstellung anzutreffen, dass dies aufwendig und mit viel Zusatzarbeit verbunden ist. So erwarten viele, dass beim Umgang mit Sicherheit und Gesundheitsschutz Kenntnisse erforderlich seien, die außerhalb der Möglichkeiten kleiner Unternehmen liegen. Hier schafft das interaktive Online-Tool zur Gefährdungsbeurteilung OiRA (Online Interactive Risk Assessment) Abhilfe, indem es die Beurteilung möglicher Gefahrenquellen am Arbeitsplatz vereinfacht. Solche benutzerfreundlichen und kostenlosen Online-Tools leiten kleine Unternehmen Schritt für Schritt an. Arbeitgeber erhalten so Hilfestellung bei der Wahl geeigneter Maßnahmen und bei der Überwachung und Erfassung von Sicherheits- und Gesundheitsproblemen. Die EU-OSHA stellt hierfür die Plattform, die Software, die allgemeinen Tools sowie einen Helpdesk zur Verfügung und führt die OiRA-Gemeinschaft zusammen. Die Tools werden dann auf nationaler Ebene von den OiRA-Partnern an ihre Sektoren und Länder angepasst.

Lohnt sich die betriebliche Gesundheitsvorsorge für Unternehmen überhaupt oder kostet es nur Geld?
Wir haben uns mit dem wirtschaftlichen Nutzen der beruflichen Gesundheitsförderung befasst und das Ergebnis ist eindeutig: Wenn Unternehmen ihre Beschäftigten gesundheitlich fördern, lohnt sich das für sie auch wirtschaftlich. Denn jeder in die berufliche Gesundheitsförderung investierte Euro bringt aufgrund der verringerten Fehlzeiten eine Investitionsrendite zwischen 2 Euro und 4,80 Euro je investiertem Euro. Betriebliche Gesundheitsfördermaßnahmen verringern nicht nur die Fehlzeiten, sie steigern auch die Motivation und die Produktivität der Mitarbeiter. Auch die Förderung einer gesunden Lebensweise zahlt sich für jedermann aus, es bringt mehr Lebensqualität für den Einzelnen und infolgedessen auch Vorteile für das Unternehmen, indirekt auch für die Gesellschaft. In einer alternden Arbeitsbevölkerung sind Maßnahmen zur beruflichen Gesundheitsförderung sehr wichtig, nicht nur um die Menschen länger fit zu halten, sondern auch um ihre Arbeits- und Beschäftigungsfähigkeit zu verbessern. Ohne gesunde und motivierte Beschäftigte wird die Verlängerung der Arbeitsjahre eine Illusion bleiben.

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