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Es gibt keine Alternative zu Europa

November 2015

Europa bestimmt seit Monaten die Schlagzeilen: Griechenland, die Ukraine, die Euro- und Schuldenkrise und jetzt die Flüchtlingspolitik sind Schlagworte, mit denen eher negative Entwicklungen assoziiert werden. Doch Europa besteht nicht nur aus Krisen und Problemen, hinter der Idee Europas steht viel mehr. Ulrich Reinhardt, Zukunftsforscher und Leiter der BAT Stiftung für Zukunftsfragen, referierte dazu auf dem Briloner Wirtschafsforum.

Ulrich Reinhardt zeigte im Gespräch mit der Tiding dabei auf, wo die Chancen Europas liegen. Das Briloner Wirtschaftsforum fand zum 52. Mal statt. Eingeladen hatten die Stadt Brilon/Deutschland, Mitglied in der Wirtschaftshanse, und die Brilon Wirtschaft und Tourismus GmbH.

Tiding: Sie sind Zukunftsforscher und interessieren sich besonders für Europa. Wie viele Ihrer Überzeugungen mussten Sie in den vergangenen Jahren über Bord werfen?

Reinhardt: Keine. Ich glaube nach wie vor fest an Europa. Unabhängig von Krisen steht immer der Mensch im Mittelpunkt. Für mich ist Europa mehr als bloß ein Wirtschaftsraum. Es ist eine Wertegemeinschaft.

Welche Werte vereinen die Bürger in Europa?
Die Bürger Europas wünschen sich ein schnelles Ende der drohenden sozialen Erosion und sind mehrheitlich durchaus zu moralischen Erneuerungen bereit. Im Fokus stehen Werte, die auf ein Miteinander der Bürger ausgerichtet sind. Hierzu zählen Freundschaft und soziale Gerechtigkeit ebenso wie Verlässlichkeit.

In welche Richtung steuert Europa? Gibt es das eine Europa überhaupt?
Für mich gibt es keine Alternative zu Europa. Sicherlich ist es kein abgeschlossener Raum, sondern lebt und entwickelt sich weiter. In jeder Krise steckt auch eine Chance. Diese gilt es zu ergreifen, um gemeinsam eine positive Zukunft zu gestalten.

Doch für eine gemeinsame Zukunft braucht es ein Werte-Fundament. Die Flüchtlingskrise beweist nicht gerade, dass es diese gemeinsame Haltung gibt. Was muss geschehen, damit Europa mehr wird als ein Wirtschaftsraum?
Wir benötigen vor allem eines: Zeit! Jahrzehnte, teilweise auch Jahrhunderte alte nationale Traditionen, Verhaltensweisen und Ansichten lassen sich nicht per Vertrag von heute auf morgen verändern. Gerade die neuen Mitgliedsstaaten fürchten, nicht Teil einer Wohlstandsunion zu sein, die hilft, den Lebensstandard im eigenen Land zu erhöhen, sondern selber Hilfe leisten zu müssen. Hier helfen Aufklärung und gemeinsame Ziele.

Es gibt die europäische Idee in den Köpfen der Bürger und es gibt Brüssel.
Wie weit haben sich die Institutionen von der ursprünglichen Vision entfernt?
Derzeit ist viel Krisenmanagement gefordert, weshalb kurzfristig eine Diskrepanz zwischen der Vision der Bürger und dem Handeln in Brüssel wahrgenommen werden könnte. Jedoch hat die Vision von Europa noch immer und auch langfristig gesehen in Brüssel Bestand.

Der Vorläufer der EU startete als „Friedensunion“. Spielt diese Bedeutung des politischen Europas in den Köpfen junger Europäer überhaupt noch eine Rolle?
Frieden ist für die jungen Europäer zur Selbstverständlichkeit geworden. Noch nie in der Geschichte Europas konnte man auf eine so lange Friedensperiode zurückblicken. 70 Jahre ohne Krieg – das ist einzigartig. Auch wenn die Welt sich im Wandel befindet, nur wenige glauben an die Möglichkeit eines Krieges vor der eigenen Haustür.

Schreiben die Menschen diesen Erfolg auch Europa zu?
Wenn sie sich damit auseinandersetzen, bestimmt. Gleichzeitig schätzt man bekanntlich vieles erst, wenn es nicht mehr da ist. Um jedoch diese bittere Erfahrung nicht wirklich machen zu müssen, ist es notwendig, dass wir in Europa weiter zusammenwachsen.

Ulrich Reinhardt, 45, ist Wissenschaftlicher Leiter der Stiftung für Zukunftsfragen. An der Fachhochschule in Heide/Deutschland ist der studierte Erziehungswissenschaftler und Psychologe Professor für Empirische Zukunftsforschung. Seine Forschungsschwerpunkte umfassen den gesellschaftlichen Wandel, das Freizeit-, Konsum- und Tourismusverhalten sowie die Europaforschung. Reinhardt ist Initiator und Ideengeber vieler Forschungsprojekte in Deutschland und Europa sowie Mitglied in verschiedenen Beraterkreisen.

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