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„Lügen zerstören jede Geschäftsbeziehung“

Mai 2015

Der deutsche Theologe und Pädagoge Bernhard Bueb, 76, leitete von 1974 bis 2005 die Schule „Schloss Salem“ am Bodensee/Deutschland. Er hat zahlreiche Bücher veröffentlicht, darunter „Die Macht der Ehrlichen“ und „Lob der Disziplin“.Im Interview mit der Tidimg erklärt er, wie Ehrlichkeit, Macht und Selbsterkenntnis zusammenhängen.

Tiding: Ein Sprichwort sagt „Ehrlich währt am längsten“. Sehen Sie das auch so?
Bernhard Bueb: Das Sprichwort fasst die Erfahrungen von Jahrhunderten zusammen. Freundschaften, Ehen oder Geschäftsbeziehungen entstehen aus Vertrauen, das auf Ehrlichkeit beruht. Nichts gefährdet solche Beziehungen mehr als eine Lüge und nichts festigt sie so auf Dauer, wie ein ehrlicher Umgang.

Mark Twain setzte dagegen dem altbekannten Sprichwort hinzu: „Ehrlich währt am längsten, aber mit dem Schein der Ehrlichkeit kommt man oft sechsmal so weit.“ Hat er da nicht recht?
Er hat damit recht, aber nur eine Weile. Denn irgendwann wird der Schein der Ehrlichkeit entlarvt und dann ist der Schaden viel größer als der kurzfristig wirkende Nutzen, den der Schein erzeugt.

Sie beschreiben in Ihrem Buch „Die Macht der Ehrlichen“, wie erst Wahrhaftigkeit und Ehrlichkeit dem Menschen zu wahrer Macht verhelfen. Viele Politiker und Wirtschaftsbosse sind mächtig, aber von den wenigsten würde man behaupten, dass sie ehrlich sind. Wie erklären Sie diese Diskrepanz?
Ein Unternehmen wird dauerhaft nur erfolgreich sein, wenn Ehrlichkeit die Kunden bindet. „Lieber verliere ich Geld als Vertrauen“ – ein Satz des deutschen Industriellen Robert Bosch aus dem vergangenen Jahrhundert, der den Welterfolg seines Unternehmens begründete. Auch das Vertrauen in Politiker beruht auf deren Ehrlichkeit. Das heißt nicht, dass Politiker nicht manchmal lügen dürfen oder sogar müssen. Als die deutsche Kanzlerin Merkel und ihr Finanzminister Steinbrück während der Finanzkrise 2008 verkündeten, die Spareinlagen der Bürger seien sicher, war das eine Lüge, denn sie konnten sie nicht garantieren. Sie haben sich jedoch im Wertekonflikt zwischen Ehrlichkeit und Schutz vor Panik für den Schutz entschieden. Das nennt man eine Notlüge. Notlügen sind erlaubt, wenn man nicht für einen persönlichen Nutzen lügt, sondern zum Nutzen des Gemeinwohls.

Raten Sie unseren Lesern, ehrlicher zu sein? Vielleicht auch Geschäftspartnern „reinen Wein“ einzuschenken, selbst wenn die Gefahr besteht, dass das Geschäftsverhältnis damit beendet wird?
Auch dann rate ich zur Ehrlichkeit. Denn Lügen, die meinem persönlichen Nutzen und nicht dem Gemeinwohl dienen, zerstören jede Geschäftsbeziehung. Ich erinnere an den Satz von Bosch. Man darf jedoch nicht naiv ehrlich sein, man darf listig sein, aber nicht lügen. „Seid klug wie die Schlangen“, riet Jesus Christus seinen Aposteln, als er sie in die Welt schickte, um die Wahrheit zu verkünden.

Die Wirtschaftshanse hält traditionelle Werte hoch. Hier gelten Handschlaggeschäfte, bei denen man einander vertraut, ohne jedes Mal den Anwalt dabeizuhaben. Ist das das Modell der Zukunft?
Es bleibt das Modell für Gegenwart und Zukunft. Wenn in der Geschäftswelt das Vertrauen schwindet, werden keine Geschäfte mehr gemacht. Einen Handwerker, der aus Kostengründen schlechte Arbeit liefert, werde ich kein zweites Mal beauftragen. Ein Bankberater, der mir einmal zu einem Produkt rät, das nichts taugt, ihm und der Bank aber gute Provisionen bringt, werde ich nicht mehr aufsuchen.

Eine Ihrer Kernthesen lautet, dass man anderen gegenüber nur ehrlich sein kann, wenn man ehrlich zu sich selbst ist. Mangelt es den meisten Menschen an Selbsterkenntnis?
Viele Menschen belügen sich selbst. Sie verdrängen ihre Schwächen und treten nach außen anders auf als sie sind. Sie suchen nach Anerkennung, indem sie vorgeben, etwas zu sein, was sie nicht sind. Die Lüge dient dazu, im Vergleich mit anderen besser dazustehen.

Kann Ehrlichkeit gelernt und geübt werden?
Ein Mensch lügt weniger, wenn er sich so akzeptiert wie er ist, wenn er ehrlich ja zu sich sagt. Er muss dann anderen nichts vormachen. Ein Mensch mit einem starken Selbstwertgefühl kann sich leisten, anderen ehrlich zu begegnen. Ehrlichkeit erwerben Menschen daher in der frühen Kindheit. Wer nicht ein Urvertrauen durch die Liebe der Eltern gewonnen hat, wird schwerlich Vertrauen zu anderen Menschen entwickeln können. Er wird immer auf Kontrolle und Strafe angewiesen sein, um ehrlich sein zu können.

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