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„Europa kann nicht ohne Russland, Russland nicht ohne Europa“

November 2014Text: Isabel Melahn Foto: Anton Semenov

Eine Delegation der Wirtschaftshanse aus Deutschland und Estland hat Ende September die russischen Hansestädte Welikij Nowgorod, Pskov und Kingissepp besucht. Die aktuelle politische Lage war bei den Treffen mit örtlichen Wirtschaftsvertretern und bei Gesprächen mit den Verantwortlichen im Rathaus immer präsent. Daher hat die Tiding Yury Bobryschew, den Bürgermeister der russischen Hansestadt Welikij Nowgorod, gefragt, wie wichtig die Hanse für ihn und seine Stadt ist, welche Verbindungen es in die Ukraine gibt und was er sich für die Zukunft wünscht.

Tiding: Was verbinden die Bürger und Unternehmer in Welikij Nowgorod mit der Hanse? Bobryschew: In unserer Stadt fand 2009 der internationale Hansetag statt – der erste in Russland. Gäste aus rund hundert Hansestädten aus 16 Ländern waren dabei, seitdem ist die Hanse ein Gesprächsthema bei uns. Die Bürger von Welikij Nowgorod haben eines erlebt: In der Hanse ist man eine große Familie. Unsere Stadt hat im Mittelalter eine wichtige Rolle in der Hanse gespielt. Das macht uns sehr stolz.

Wie wichtig ist es für die Unternehmen in Ihrer Stadt, in der Hanse zu sein?
Als wir 2009 den Hansetag ausrichten durften, haben wir bewusst daran erinnert, dass die Hanse im Mittelalter ein Wirtschaftsbund war und eben auch heute noch mehr sein kann als eine rein kulturelle Angelegenheit. Daher haben wir uns dafür eingesetzt, neben der touristischen Hanse auch einen Wirtschaftsbund zu bekommen, der den Begriff Hanse im Namen trägt. Der ist dann 2013 in der deutschen Hansestadt Herford gegründet worden, was die Zusammenarbeit mit ausländischen Partnern noch verstärkt hat. In Welikij Nowgorod gibt es einige Joint Ventures zum Beispiel mit deutschen, niederländischen oder englischen Unternehmen, die für uns sehr wichtig sind.

Wie wirkt sich die Zusammenarbeit mit der Wirtschaftshanse im Einzelnen aus?
Ende September/Anfang Oktober waren Unternehmer der Wirtschaftshanse aus Estland und Deutschland bei uns zu Besuch. Es ging hauptsächlich um die Themen Holzverarbeitung und Entsorgungswirtschaft. Solche Besuche und Gespräche bringen russische und ausländische Unternehmer zusammen. Darüber hinaus bleiben natürlich die Kontakte zwischen den Hansestädten und den Menschen, die dort wohnen. Das ist immer auch ein Austausch auf kultureller Ebene. Dabei entstehen Freundschaften, die wir gerade in unserer jetzigen Situation sehr gut gebrauchen können. Die Politiker sollten sich ein Beispiel an den guten Beziehungen zwischen den Hansestädten und ihren Bürgern nehmen. Für mich ist der Hansebund so etwas Ähnliches wie die EU: Schon im Mittelalter waren die Entscheidungen der Hansestädte wichtig. Heute sind wir sehr aktiv in der Hanse, denn wir wissen, dass wir dort Gleichgesinnte und Freunde treffen. Ich glaube, wenn auch in der Politik Kontakte entstehen wie innerhalb der Hanse, dann wird es auch dort funktionieren. Da können und müssen wir mit der Hanse ein Vorbild sein!

Was können wir tun, um zu einer Entspannung beizutragen?
Das Wichtigste ist, die normalen Kontakte und Gespräche zwischen den Menschen nicht abreißen zu lassen. Wir waren im August zu Besuch in unserer Partnerstadt Moss in Norwegen, wo die Unterzeichnung des Friedensvertrages zwischen Norwegen und Schweden vor 200 Jahren gefeiert wurde. Dort haben wir uns mit Delegationen aus den USA, aus Finnland, Dänemark und vielen anderen Ländern getroffen. Keiner redete über die Sanktionen, alle waren gleich, alle waren Freunde, es waren schöne, normale Treffen zwischen Menschen verschiedener Nationen und Kulturen. Sich so auszutauschen und normal miteinander umzugehen ist wichtig und nicht das, was ein oder zwei Personen aus der Politik sich wünschen.

Wünschen sich denn die normalen Menschen etwas anderes als die Politiker?
Ja, die normalen Menschen wollen Frieden. So große Staaten wie Deutschland und Russland sollten daran arbeiten. Es war doch alles in Ordnung. Wir haben uns gegenseitig in den Hansestädten besucht und miteinander geredet. Das sollten wir auch weiterhin so halten.

Wie fühlen Sie sich: als Russe oder eher als Einwohner von Welikij Nowgorod oder vielleicht sogar als hanseatischer Europäer?
Nowgorod ist eine der ältesten Städte des Landes und gilt als Wiege Russlands. Daher bin ich natürlich ein Kind meiner Stadt und Russe. Aber Nowgorod ist seit dem 12. Jahrhundert auch eine Hansestadt und seit damals eben eine europäische Stadt. Ich bin fest davon überzeugt, dass Europa ohne Russland nicht existieren kann und Russland nicht ohne Europa. Das gehört einfach zusammen. Wir alle sind Europäer und müssen unsere Beziehungen pflegen.

Das Gespräch wurde aus dem Russischen übersetzt von Ekaterina Zaytseva. 

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