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„Multilateralismus muss die Welt noch lernen“

November 2014Text: Sharon Clifton

Die Hanse ist ein erfolgreiches, grenzüberschreitendes Modell von Wirtschaft, Kultur, Gesellschaft und Politik, sagt der Politikberater Simon Anholt, der Länder, Regionen und Städte berät, die wirtschaftlich, politisch und kulturell stärker mit anderenStaaten zusammenarbeiten wollen.

Simon Anhalt ist der Gründer von „Good Country“ und dem “Good Country Index“, der misst, was jedes Land der Erde im Verhältnis zu seiner Größe zum Gemeinwohl der Menschlichkeit beiträgt. Im Vorfeld des Hanse-Wirtschaftskongresses hat sprach Sharon Clifton, Leiterin Kommunikation für den britischen Verwaltungsbezirk King’s Lynn und West Norfolk mit ihm.

Tiding: Ist die Hanse mit ihren alten, traditionellen Werten überhaupt noch zeitgemäß?
Simon Anholt: Nun, wenn sie wieder wichtiger werden will, muss sie moderner werden, aber einige Dinge haben sich seit dem Mittelalter nicht verändert: Der Mensch hat immer noch sehr viel davon, wenn er zu einer bekannten Vereinigung mit einem guten Ruf gehört. Das hat sich bis heute nicht ge ändert und wird sich nie ändern. Menschen wollen spüren, dass sie Teil von etwas Größerem sind, verbunden mit anderen Menschen in anderen Ländern und anderen Kulturen – auch das hat sich nicht verändert. Nicht nur die Wirtschaft, alle menschlichen Beziehungen basieren grundsätzlich auf Vertrauen und das Grundprinzip der Hanse ist Vertrauen: das Vertrauen zwischen den Mitgliedern und das Vertrauen der Außenwelt in den Verbund. Die Hanse muss ihren Ruf verdienen, man muss das Gefühl bekommen, hanseatischen Ländern, Städten oder Unternehmen vertrauen zu können. Darüber hinaus muss es innerhalb der Hanse ein besonderes Verantwortungsbewusstsein für Vertrauen und Ehre zwischen den Mitgliedern geben, denn das ist eine Konstante bei allen menschlichen Beziehungen. Und wenn das die wichtigsten Gründe sind, warum die Hanse existiert, dann gibt es keinen Grund, warum sie nicht heute genauso wichtig sein sollte wie bei ihrer Gründung im Mittelalter.

Was können wir von diesen alten Werten für den täglichen Umgang miteinander lernen oder hat sich die Hanse im Laufe der Jahrhunderte angepasst?
Ich weiß fast nichts über die moderne Hanse, aber die zugrunde liegenden Werte ändern sich nicht wirklich. Weil sich Dinge wie Finanzierung, Kommunikation, Technologie und Transport oftmals bis zur Unkenntlichkeit verändern, ist es umso wichtiger zu erkennen, dass sich die Grundwerte nicht verändert haben. Das Wichtigste bei der wirtschaftlichen Zusammenarbeit und beim Netzwerken ist die Tatsache, dass sie Vertrauen zwischen verschiedenen Völkern und Ländern schaffen. Eines der großartigsten Dinge Europas ist ja, dass wir viel mehr Erfahrung bei der Zusammenarbeit zwischen Staaten haben als jeder andere Teil der Welt: Das haben wir nicht erst bei der Gründung der Europäischen Union gelernt, sondern kennen das schon seit vielen Jahrhunderten. Es ist in unserem Blut und es ist einer der Hauptgründe, warum Europa so erfolgreich ist: Wir haben herausgefunden, wie man teilen und zusammenarbeiten muss. Das ist auch einer der Gründe, warum die obersten Plätze meiner letzten Umfrage, des Good Country Index, von europäischen und hier besonders von nordeuropäischen Ländern dominiert werden – wir sind an Multilateralismus gewöhnt. Meiner Meinung nach ist dies nicht nur unser Erbe als Europäer, sondern auch unsere Verantwortung, ihn mit anderen zu teilen. Wann immer ich eine Strategie für ein Land, eine Stadt oder eine Region vorbereite, stelle ich der Regierung oder den Verantwortlichen die gleiche Frage: „Was ist Euer Geschenk an die Welt? Warum sollten Menschen froh sein, dass es Euch gibt?“ Das kann sehr gut auf die Hanse übertragen werden: Warum existiert die Hanse? Was ist ihr Geschenk an die Welt? Ich denke, ihr Geschenk an die Welt ist dieses funktionstüchtige, grenzüberschreitende Modell von Wirtschaft, Kultur, Gesellschaft und Politik. Es zeigt, dass Länder zusammenarbeiten können, dass sie gemeinsam stärker sind und dass sie von ihren Unterschieden profitieren. Das ist eine Lektion, die die Welt noch lernen muss.

Wer profitiert von der Hanse: die Wirtschaft, die Gesellschaft, die Politik oder alle gleichermaßen?
Alle sollten von der Hanse profitieren. Ein Projekt wie die Wirtschaftshanse lohnt sich gerade wegen der vielen Vorteile, die es hat. Wenn man Gruppen zusammenbringt, hat das nicht nur einen Grund, es geschieht niemals nur aus wirtschaftlichen oder sozialen Gründen heraus. Es entstehen viele positive Nebeneffekte, ob man will oder nicht.

Muss der Einfluss der Hanse global verstanden werden oder ist er nur auf einzelne Länder ausgerichtet?
Wenn die Hansestädte profitieren sollen, dann muss die Hanse global verstanden werden, denn auch die Wirtschaft ist global. Ich nehme an, dass kein geschlossener Handelsverein entstehen soll, sondern ein Netzwerk, das mit dem Rest der Welt zusammenarbeitet. Daher braucht die Hanse weltweit ein gutes Image.

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