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„Jetzt verstehe ich, was Hanse ist“

Oktober 2015Foto: Europäisches Hansemuseum / Thomas Radbruch

Mit dem Europäischen Hansemuseum gibt in Lübeck das größte Museum über die Geschichte der Hanse.. „Die Hanse hat europäische Geschichte maßgeblich mitgeschrieben. Sie wirkte identitätsstiftend. Auf sie sind Wurzeln zurückzuführen, auf denen unser europäisches Miteinander auch heute noch beruht“, sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel anlässlich der Eröffnung des Europäischen Hansemuseums in Lübeck, das im Mai 2015 nach dreijähriger Bauzeit eröffnet wurde.

Als niederdeutsche Kaufleute aus Soest, Münster, Groningen und Lübeck 1193 am Ufer des Flusses Newa landeten, ahnten sie noch nicht, dass sie eine mächtige Vereinigung mitbegründeten, die ab dem 14. Jahrhundert als „Dudesche Hense“ bekannt wurde. Was zunächst ein loser Verbund von Fernkaufleuten für anstehende Handelsgespräche in Nowgorod war, sollte sich in den nächsten Jahrhunderten zum einflussreichsten Wirtschaftsund Städteverbund Nordeuropas entwickeln. „Die Hanse war der erste große, erfolgreiche Wirtschaftsverbund Europas. Er hatte länger als ein halbes Jahrtausend Bestand. Wir haben vor gar nicht langer Zeit 50 Jahre Römische Verträge gefeiert, die Europäische Union muss sich also noch anstrengen“, sagte Angela Merkel am Eröffnungstag.

Das Europäische Hansemuseum zeigt die Entwicklung des Kaufmannsbundes von seinen Anfängen hin zu einer nordeuropäischen Großmacht mit einem Netz von mehr als 200 Partnerstädten. Die Besucher erfahren von Wagnis und Aufstieg, von einer Welt des Reichtums und der Macht, von Misserfolg und Kampf sowie von Todesgefahren und dem alles bestimmenden Glauben. Sie können besondere Schlüsselereignisse der Hansegeschichte in rekonstruierten Szenen erkunden und nachvollziehen, wie sich eben jenes Zusammentreffen an der Newa abgespielt haben könnte, während sie an zwei originalgetreu nachgebauten Koggen vorbeigehen.

„Alle rekonstruierten Szenen basieren auf dem gegenwärtigen Forschungsstand und wurden mit großem Aufwand historisch so getreu wie möglich nachgebildet“, sagt Direktorin Dr. Lisa Kosok. So erfahren die Besucher auch, wie es sich in den Kontoren zugetragen haben könnte: Sie betreten eine belebte Verkaufshalle in Brügge, den prunkvollen „Stalhof“ in London und einen wichtigen Umschlagplatz für Stockfisch in Bergen. Am Beispiel Lübecks, dem damaligen „Haupt der Hanse“, werden die Auswirkungen der Pest im 14. Jahrhundert dargestellt oder ein Hansetag mit Vertretern der Hansestädte in Szene gesetzt. Auch die nach dem Niedergang der Hanse einsetzenden Mythen- und Legendenbildungen werden thematisiert. „600 Jahre Wirtschaftsgeschichte werden so präsentiert, dass die Besucher sagen können ‚Jetzt verstehe ich, was Hanse ist!‘“, erklärt Björn Engholm, ehemaliger schleswig-holsteinischer Ministerpräsident und heute Mitglied im Beirat des Museums.

„Manche Spezifika Europas gehen auf die klassischen Hansekaufleute zurück. So kann man sehen, dass vieles, was wir heute vom Wirtschaftsleben erwarten, von den Hansen schon vorgelebt wurde“, unterstreicht Engholm. Er fasst die Aufgabe des neuen Museums so zusammen: „Die Kaufleute bildeten so etwas wie eine europäische Wirtschaftsgemeinschaft. Ich denke, sie waren sehr weit, gemessen an heute. Eigentlich sind sie der Nukleus eines Europa, wie wir es heute erhoffen. Positive Beiträge zu dieser fantastischen Idee Europa zu leisten, wird ein wichtiger Aspekt des Europäischen Hansemuseums sein.“ Angela Merkel will an die zentrale Erfahrung der Hanse anknüpfen, dass „wir gemeinsam stärker sind und mehr für alle erreichen, als wenn jeder für sich selbst agieren würde. Daher gibt es auch heute das Bemühen um Einigkeit in der Europäischen Union – immer wieder und in allen aktuellen Fragen.“

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